Die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung: Der Kurzfragebogen zur Arbeitsanalyse (KFZA)

Gefährdungsbeurteilung Psychischer Belastung bei der Arbeit

Foto: © Rido - fotolia.com

Lieber Gast,

waren Sie Ende Oktober auf der A+A 2015 in Düsseldorf? Dann erlebten Sie auf der Fachmesse und dem Kongress für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit, dass psychische Belastungen und betriebliche Gesundheitsförderung immer stärker in die Köpfe und den Körper wandern – wenn Sie es nicht selbst bereits aus Ihrem Unternehmen oder Ihrer Verwaltung wissen.

Bei den Ausstellern und Kongressbeiträgen zur psychischen Belastung stand dieses Jahr die Gefährdungsbeurteilung ganz oben auf der Liste, mit Themen wie dem GDA-Programm Psyche, der Umsetzung und den Verfahren sowie den Erfahrungen aus deutschen Unternehmen und in Europa. Nicht verwunderlich, gibt es doch seit Oktober 2013 die ausdrückliche Pflicht im Arbeitsschutzgesetz nach § 5 für alle Arbeitgeber in Deutschland, auch die Gefährdung durch psychische Belastungen bei der Arbeit zu beurteilen.

Wie sich wieder einmal bestätigte, liegt einer der Knackpunkte dabei in der Frage, wie die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung durchgeführt werden soll. Genauer: Wie sollen psychische Belastungen ermittelt und beurteilt werden? Der Gesetzgeber legt dies nicht fest und bietet so dem Anwender die Freiheit, das individuell geeignetste Verfahren einzusetzen. Aus dieser Freiheit erwächst demjenigen, der dieses Vorhaben nun anpacken will, jedoch auf dem zweiten Blick ein Problem: Der Vielfalt der angebotenen Lösungen, vor allem: Die große Zahl an Verfahren (siehe auch diesen Blogbeitrag für die Online-Mitarbeiterbefragung als mögliches Verfahren).

Und nicht nur dies stellt den Verantwortlichen vor Schwierigkeiten: Das Thema psychische Belastungen in der Arbeit erscheint komplex, widersprüchlich und ist doch – paradoxerweise oder gerade deswegen – Gegenstand dreier Teile einer deutschen, europäischen und internationalen Norm (DIN EN ISO 10075).

Ein erster Schritt bei der Auswahl eines Verfahrens zu Ermittlung und Beurteilung der psychischen Belastungen bei der Arbeit ist es, sich klar zu machen, dass es im Grunde drei Vorgehensweisen gibt (vgl. z.B. BAuA, 2014):

  • Workshop
  • Beobachtung und Beobachtungsinterviews
  • Mitarbeiterbefragung

 

Ich möchte Ihnen hier diese Vorgehensweisen nicht näher erläutern, da Sie sich ungefähr vorstellen können, worum es geht, es hierzu bereits Informationsmaterial gibt und dieser Blogbeitrag nicht das Ziel hat, das Thema Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung tiefer darzustellen. Stattdessen möchte ich Sie auf ein Verfahren hinweisen, das sehr gut im Rahmen einer Mitarbeiterbefragung eingesetzt werden kann und zudem wichtige weiterer Vorteile für Ihre Organisation bietet: Den Kurzfragebogen zur Arbeitsanalyse – kurz KFZA.

Gerade für eine Mitarbeiterbefragung, die zwar das Ziel der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung hat, jedoch natürlich nicht so heißen muss und sollte (sondern eher den Nutzen für die Teilnehmer voranstellt), gibt es nämlich Analyseverfahren wie Perlen an einer Kette (siehe die Toolbox der BAuA).

Zwar haben andere Instrumente eine gewisse Bekanntheit und Verbreitung erlangt, wie die Salutogenetische Subjektive Arbeitsanalyse (SALSA) oder der Copenhagen Psychosozial Questionnaire (COPSOQ), doch haben diese Verfahren aus Praktikersicht mindestens einen zentralen Nachteil: Sie sind mit mehr 60 bzw. 87 Fragen häufig zu lang (und zu kompliziert) für ein erstes Screening, vor allem, wenn der Anwender noch eigene Themen, Fragen oder andere Skalen in die Mitarbeiterbefragung integrieren möchte.

Eine interessante Lösung ist hier der Kurzfragebogen zur Arbeitsanalyse (KFZA), der – wie Sie natürlich zu Recht vermuten – mit 26 Fragen vergleichsweise kurz ist. Dennoch ist dieser Fragebogen ein wissenschaftlich überprüftes Instrument, das sich seit 1995 in vielen Praxisprojekten in Deutschland bewährt hat. Und in Österreich bietet die Allgemeine Unfallversicherungsanstalt seit 2014 eine Weiterentwicklung dieses Kurzfragebogens als Online-Tool an.

Der Kurzfragebogen zur Arbeitsanalyse erfasst mit diesen 26 Fragen folgende elf Arbeits- und Organisationsmerkmale: Vielseitigkeit, Ganzheitlichkeit, Handlungsspielraum, soziale Rückendeckung, Zusammenarbeit, Qualitative Arbeitsbelastungen, Quantitative Arbeitsbelastungen, Arbeitsunterbrechungen, Umgebungsbelastungen, Information und Mitsprache sowie betriebliche Leistungen. Und diese elf Skalen mit einer fünfstufigen Antwortoption werden wiederum zu vier Aspekten der Arbeitssituation zugeordnet: Arbeitsinhalt, Ressourcen, Stressoren, Organisationsklima.

Welche weiteren Vorteile bietet Ihnen der Kurzfragebogen zur Arbeitsanalyse als orientierendes Verfahren zur Erfassung der psychischen Belastungen noch?

  • Arbeitswissenschaftlich anerkanntes Verfahren zur Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung
  • Einsatzmöglichkeit in vielen Branchen und bei vielen Tätigkeiten
  • Keine Lizenzkosten (im Gegensatz zu einem kommerziellen Verfahren, das auf dem KFZA aufbaut)
  • Verschiedene Auswertungen möglich (z.B. Vergleiche zwischen Organisationseinheiten, Tätigkeitsgruppen, Berufe)
  • Externe Referenznormen vorhanden (Benchmarking)

 

Mit dem Einsatz des Kurzfragebogens zur Arbeitsanalyse einschließlich möglicher ergänzender Fragen erfüllen Sie nicht nur Ihre gesetzliche Pflicht als Arbeitgeber, sondern der Prozess und  die Ergebnisse ergeben auch einen wertvollen Mehrwert: Zum Beispiel als datengestützte Grundlage für Maßnahmen, die Ihre Kommunikations- und Führungsprozesse auf eine höhere Ebene heben, die Fehler bei Auswahl- und Platzierungsentscheidungen reduzieren, und die Ihr Betriebsklima und Ihre Organisationskultur für die digitale Zukunft fit machen.

Darüber hinaus zeigen Sie, dass Sie am Wohl Ihrer (auch zukünftigen) Führungskräfte und Mitarbeiter interessiert sind, und Sie stärken somit deren Bindung und Identifikation mit Ihrem Unternehmen. In Zeiten des Fachkräftemangels, des Wettbewerbs um die besten Köpfe sowie wachsamer und wechselbereiter Leistungsträger ein Merkmal, durch den Sie einen Vorsprung vor Ihren Mitbewerbern haben!

Und auch dies sollten Sie beachten: Haben Sie noch keine Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung durchgeführt, dann drohen Ihnen nicht nur Mahnungen und Strafen durch die Behörden (die jetzt immer genauer hinschauen), sondern auch eine Schadenersatzklage durch einen Arbeitnehmer, der durch die von Ihnen nicht beurteilten psychischen Belastungen bei der Arbeit und dessen negative Folgen krank wird (z.B. Burnout, Herz-Kreislauf-Erkrankungen), und zur Durchsetzung seiner Forderung anschließend einen Fachanwalt für Arbeitsrecht beauftragt.

Damit es jedoch soweit nicht kommt, sollten Sie sich möglichst bald mit der Gefährdungsbeurteilung psychischer Arbeitsbelastung auseinandersetzen: Sowohl als Verantwortlicher in einem Großunternehmen oder einer Verwaltung mit vielen Beschäftigten als auch in einem mittelständischen Unternehmen, welches von den Folgen des Nichtstuns besonders hart getroffen wird.

Mit dem Kurzfragebogen zur Arbeitsanalyse und einem bewährten Prozess gelingt der Einstieg leichter als Sie denken. Sie haben Fragen? Gerne kontaktieren Sie mich!

Mit besten Grüßen

Stefan Klemens