Erfolg im Beruf: Scheitern oder Nicht-Scheitern?

 

"Aus Fehlern lernt man", heißt es, oder: "Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen". Klar, schauen wir uns die Evolution an, so entstand die Vielfalt des Lebens auf der Erde durch Fehler: Kopierfehler im Erbgut.

Doch sicher ist auch, dass die meisten dieser zufallsbedingten Fehler, bzw. neutraler: die Veränderungen einzelner Gene oder -Genabschnitte, schwerwiegende Konsequenzen für ihren Träger hatten: Sie halfen nicht beim Überleben, sondern sie waren im Gegenteil eine Behinderung und führten dazu, dass der Organismus meist früh starb, eher von Räubern gefressen wurde oder sich einfach nicht vermehren konnte.

Doch einige, wenige und seltene Änderungen in den Genen führten zu einem Vorteil: Beispielsweise zu längeren Gliedmaßen (einem "Ruderschwanz"), um sich schneller zu bewegen (und Räubern besser zu entkommen oder als Räuber mehr Beute zu machen), besseren Augen oder Händen, um zu Objekte zu greifen, zu bearbeiten und viele andere Dinge mehr zu machen.

Wie schaut es mit dem Scheitern im Beruf aus? Hier gibt es viele Hinweise von Praktikern und aus Studien, dass Scheitern durchaus nützlich sein kann – wenn aus dem Fehler auch gelernt wird. Also: Die Ursache des Fehlers wird vom Handelnden richtig erkannt. Und: Sie ist als solche auch eindeutig erkennbar, was nicht immer der Fall ist. Doch erkennen reicht natürlich nicht: Veränderungen im eigenen Verhalten sind notwendig, damit andere, hoffentlich bessere Ergebnisse erzielt werden.

Dieser Weg ist meist steinig: Oft fehlt es an der Motivation, dem Willen, die Einsicht und der Kraft, sein Verhalten (oder bei einer Führungskraft das der Mitarbeiter) zu ändern. Und auch wenn die Bereitschaft hierzu vorhanden ist, dann stellt sich die Frage: Was genau ändern? Und wie ändern? Ist hier Einsicht und Einigkeit erzielt, folgt die Umsetzung – Hoffentlich! Denn viele gute Absichten und Pläne, ob geistig oder schriftlich, sind schnell wieder in der Schublade verschwunden, sobald es ernst und anstrengend wird (denn das wird es!). Und siehe da: Plötzlich geht es ja auch so (irgendwie) weiter, sicher wird es diesmal besser, und eigentlich war das Ergebnis doch gar nicht so schlecht, oder?

Hat sich der Betreffende (oder das Team, die Arbeitsgruppe, die Abteilung, das Unternehmen) jedoch entschieden, etwas zu ändern und sie oder er möchte loslegen, dann ist zwar schon viel gewonnen, doch liegen auf dem Weg zum Ziel meist noch einige harte Brocken, die weggeräumt, übergangen oder passiert werden müssen: Rückschläge, schwindende Motivation und Kraft, fehlende Unterstützung oder unerwartete Probleme.

Fehler machen wir alle, viele kleine, und (hoffentlich selten) manchmal große. Lernen wir aus dem Scheitern und vermeiden wir in Zukunft große Fehler, dann hat das Scheitern sicher seinen Nutzen gehabt. Lernen wir jedoch nichts, und Scheitern wir zu häufig oder bei einmaligen Chancen, dann bringt uns dies kaum weiter und häufig fallen wir in ein tiefes Loch, aus dem wir alleine selten wieder heraus kommen. Daher sind Familie und Freunde so wichtig. Nicht nur weil es uns als ultra-soziale Spezies Freude macht gemeinsam zu arbeiten, sondern weil wir schwierige Situationen dann besser verkraften ("geteiltes Leid ist halbes Leid", "Gute Freund zeigen sich in der Not").

Doch auch die Persönlichkeit eines Menschen ist beim Scheitern und dem Umgang mit Fehlern ein wichtiger Faktor. Menschen unterscheiden sich in ihrer Reaktion auf negative Ereignisse: Wenige lässt selbst die größte Gefahr offensichtlich kalt, die meisten reagieren besorgt und erholen sich jedoch rasch wieder, und ebenfalls wenige andere beruhigen sich nur langsam.

Je nach Ausprägung bestimmter Persönlichkeitseigenschaften geht also der eine besser mit Rückschlägen um und ist widerstandsfähiger  ("resilienter") als ein anderer. Manche verarbeiten sogar schwere traumatische Erlebnisse überraschenderweise sehr gut, in dem sie einen Sinn in dem negativen Ereignis finden und an der Erfahrung wachsen. Andere hingegen finden diesen Sinn nicht und diese leiden mehr oder weniger ein Leben lang. Hier spielt die Ausprägung der Persönlichkeitseigenschaft "Emotionale Stabilität" (häufig auch als "Neurotizismus" bezeichnet) eine zentrale Rolle, und die mit diesem Merkmal verbundene unterschiedliche Reaktionsbereitschaft des Gehirns auf äußere und innere potenzielle Stressoren.

Gerade im Beruf ist der Druck für viele Menschen heute recht hoch. Und dies betrifft nicht nur die Mitarbeiter, sondern auch viele Führungskräfte der unteren und mittleren Ebene sowie Unternehmer, Selbstständige und Freiberufler. Jeder möchte (oder muss) beruflich erfolgreich sein, möchte (oder muss) sich durchsetzen gegen andere. Die Gründe dafür sind vielfältig und meist nachvollziehbar. Manchmal jedoch sind es auch "hausgemachte" Probleme, wenn z.B. zu hohe oder nicht die eigenen Ziele erreicht werden sollen oder man blind ist, für Alternativen, die das Berufsleben bietet.

Und dann belegen viele Indikatoren, dass die Anforderungen an die Führungskräfte, Mitarbeiter und externe Anbieter zunehmen: Die Berichte über Burnout, der Anstieg der Diagnosen psychischer Erkrankungen, die Ergebnisse aus Mitarbeiterbefragungen, die ein schlechtes Betriebsklima dokumentieren und eine Unternehmenskultur, die nicht mehr in die Zeit passt.

Doch zurück zu unserer Ausgangsfrage: Scheitern oder Nicht-Scheitern? Oder besser: Was tun, wenn es dazukommt? Es geht mir somit nicht so sehr um die Antworten "ja" oder "nein" auf diese Frage, sondern um einen angemessenen Umgang mit Misserfolg  – Und auch um einem angemessenen Umgang mit Erfolg: Denn wer den Erfolg überhöht, den Respekt vor dem Gipfel verliert und die Schwierigkeit des Aufstiegs nicht würdigt, der wird leichtsinnig und schneller und tiefer fallen. Obwohl ich also bei der Frage kein "entweder-oder" sehe, empfehle ich die folgende zwei Artikel zum Thema aus der ZEIT Online. Beide schärfen den Blick und geben Impulse für einen gelasseneren Umgang mit Erfolg und Misserfolg.

Der Kontra-Beitrag "Schluss mit dem Scheitern!" stammt von Christoph Kucklick.
Die Pro-Position "Die Kunst des Scheiterns" beschreiben Stefanie Schramm und Claudia Wüstenhagen.

Mein Tipp: Artikel ausdrucken und in Ruhe lesen!

 

Mehr Informationen

Sie möchten besser entscheiden? Große Fehler vermeiden? Als Führungskraft das richtige tun? Mehr Erfolg im Beruf haben? Eine glückliche Partnerschaft erleben? Bei Gesundheitsfragen und medizinischen Entscheidungen kompetent mitreden? Dann empfehle ich Ihnen folgendes Buch:

Gerd Gigerenzer (2013). Risiko. Wie man die richtigen Entscheidungen trifft. München: C. Bertelsmann.

Interessieren Sie sich mehr dafür, wie Sie das Ausmaß ihrer psychische Belastbarkeit ("Resilienz") besser mit den beruflichen Anforderungen in Einklang bringen, dann finden Sie hierzu Hinweise im folgenden Buch:

Christina Berndt (2013). Resilienz. Das Geheimnis der psychischen Widerstandskraft. Was uns stark macht gegen Stress, Depressionen und Burn-out. München: Deutscher Taschenbuch Verlag.

Sie möchten Strategien und Methoden erfahren, wie Sie zentrale Persönlichkeitseigenschaften in ihrer Führungs- oder Personalarbeit berücksichtigen, um Ihr Unternehmen und Ihre Mitarbeiter voranzubringen? Unterstützung hierzu erhalten Sie im folgenden Buch:

Pierce J. Howard und Jane M. Howard (2002). Führen mit dem Big-Five-Persönlichkeitsmodell. Frankfurt am Main: Campus. [Artikel von Stefan Klemens zum Thema Beruf und Persönlichkeit hier als PDF lesen]

Hinweise auf den "menschlichen Faktor", der immer wieder zu schwerwiegenden Fehlern mit tödlichen Unfällen und Katastrophen führt (z.B. Tschernobyl, Challenger-Explosion, Costa Concordia) finden Sie bei Wikipedia. Dort finden Sie auch, was Erfolg bzw. Misserfolg eigentlich umfasst.