Focus 07/2014: Mut zum Ich

"Mut zum Ich". Das fordert der "Focus" auf der Titelseite seines Heftes Nr. 07/2014 vom 10.02.2014. Und ab Seite 74 können wir herausfinden, was wirklich in unserem Leben zählt, wie uns der Untertitel informiert. Wahrscheinlich die wichtigste Frage, auf die jeder Mensch eine Antwort such oder auch bereits hat. Ob bei der Lösung jedoch ein einzelner Artikel helfen kann?

Schauen wir uns die Inhalte an:

Los geht es mit dem Video-Beitrag der Poetry-Slammerin (junge Menschen, die kurze, gedichtartige Geschichten live vor einem jungen Publikum erzählten) Julia Engelmann. Ob es Zufall ist oder nicht, dass die TV-Soap Schauspielerin Psychologie studiert und dieses Thema gewählt hat, möchte ich mal beiseite lassen.

Ihr Beitrag handelt von der Sinnsuche im Leben und davon, wenn wir alt sind und auf unser Leben zurückschauen: Was hätte ich alles tun können? Fast 5.000.000 Menschen haben sich das Video bei Youtube bereit angeschaut. Da scheint also Bedarf nach Sinn zu sein, wie auch der "Focus" schlussfolgert.

Damit nutzt sie eine Methode, die auch Steve Jobs in seiner bewegenden Rede vor den Absolventen der Stanford Universität gebraucht hat, die Thema eines Buches ist ("5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen" von Bronnie Ware) und die mich an eine Übung aus dem Buddhismus (Meditation / Achtsamkeitsübung) erinnert, in der man seinen Körper als Skelett vorstellen soll, um Klarheit über sein jetziges Leben zu gewinnen.

Auch der Roman "Die fünf Menschen, die dir im Himmel begegnen" von Mitch Albom, den ich vor Jahren las, fällt mir hierzu ein. Dort trifft der Protagonist im Jenseits fünf Menschen, die eine entscheidende Rolle in seinem Leben gespielt haben und helfen ihm, sich mit seinem Schicksal zu versöhnen und den verborgenen Sinn seines Lebens zu sehen.

In diese Kategorie fällt auch das im "Focus"-Artikel genannte Buch "Dieser Mensch war ich" der ehemaligen MTV-Chefin Christiane zu Salm (der Rheinischen Post war die Veröffentlichung des Buches vor einigen Monaten sogar eine Titelseite wert).

Weiter lesen wir in dem Text (eine Gemeinschaftsaktion von sechs Autoren), was Prominente auf die Frage, was zählt wirklich im Leben antworteten: Darunter sind Herbert Hainer (Adidas), Dieter Zetsche (Daimler), Hasso Plattner (SAP), Barbara Schöneberger (Moderatorin), Steve Jobs (Apple-Gründer ), Udo Lindenberg (Musiker), René Obermann (früher Telekom) und Marcel Reich-Ranicki (Literaturkritiker).

Auch berichtet der Artikel über den Dokumentarfilm "My Stuff" des Finnen Petri Luukkainen: Dieses Werk zeigt das radikale Experiment des Skandinaviers, seine gesamten Sachen in einem Lagerraum für ein Jahr zu deponieren, jeden Tag nur eine einziges Teil daraus zu entnehmen, nichts einzukaufen und sich nur mit Hilfe seines Bruders zu ernähren. Luukkainen, 26 Jahre, stellte dabei fest, dass er viel weniger Dinge wirklich brauchte, als er glaubte: Schon beim 15 Gegenstand fragte er sich, welche Art von Leben er eigentlich führen wolle.

Doch auch die Wissenschaft kommt zu Wort, so der Psychologe George Vaillant, der an einer der bekanntesten und längsten Untersuchung zur Lebenszufriedenheit, zum Verhalten und zur Persönlichkeit beteiligt war ("Grant Study"). Diese Harvard-Studie untersuchte das Leben von 268 Menschen seit 1939. Weiter berichtet die Wissenschaftlerin und Psychologin Tatjana Schnell von der Universität Innsbruck von den Ergebnissen ihrer Sinnforschung, die sie zusammen mit ihrer Kollegin Sarah Pali zusammengetragen hat.

Auch mit den Ergebnissen der "Glücksforschung" und der Positiven Psychologie beschäftigen sich die Autoren, mit dem Einfluss von Geld auf das Wohlbefinden und mit der Arbeit und dem Beruf als Sinnstifter und "wichtiger Baustein der eigenen Identität". Damit sei es nämlich nicht so gut bestellt – wie die Ergebnisse der zitierten Untersuchungen des Gallup-Instituts zeigen würden.

Eine "Glücksformel" hat hier die Psychologin Lisa Lyssenko parat: "Die beruflichen Ziele mit den eigenen Werten in Einklang bringen." Und: Bei täglichen Tätigkeiten den Blick für das Große und Ganze und den langfristigen Nutzen haben.

Damit hat sie einen wahren Kern getroffen, der nicht nur für die eigene Person nützlich ist. Auch eine Führungskraft kann damit ihre Mitarbeiter motivieren, was in dem nicht ganz so neuem Sprichwort ausgedrückt wird: Wenn du deine Mitarbeiter bewegen möchtest, ein Boot zu bauen, dann lehre ihnen die Sehnsucht nach dem Meer. Ähnlich ist hier die Aussage einer Reinigungskraft im Krankenhaus, die mithilft, dass die Patienten gesund werden, uns sich durch ihre hygienische Arbeit nicht mit gefährlichen, multi-resistenten Keimen infizieren (was eine sehr reale Gefahr ist).

Mein Fazit:

Positiv ist der Ausgangspunkt, die Sinnsuche vom Ende des Lebens aus zu betreiben. Denn dann wird vieles klar und viele Dinge unwichtig. Daneben werden eine Reihe von interessanten Ansätzen und Ergebnissen vorgestellt.

Dies kann bereichernd sein oder auch verwirren. Vielleicht ist das Thema auch einfach zu umfassend, um sich festzulegen, was denn nun der Sinn des Lebens ist, und wofür wir also den geforderten Mut zum Ich brauchen. Vielleicht hängt es auch mit der Anzahl der Autoren zusammen.

Doch am Ende weisen die Autoren mit einer schönen Anekdote daraufhin, dass nur die Liebe zählt. Und sicher auch eine Arbeit oder Tätigkeit, die immer wieder Freude macht, ergänze ich.

Quelle:
Gottschling, C., Reinhard, J., Sanides, S., Seitz, J., Pröse, T. & Grewe, M. (2014). Lebe jetzt!  Der Sinn des Lebens. Focus, Nr. 7/2014, 74 -84. Online lesen

Mehr:
Julia Engelmanns Poetry Slam Beitrag: Video
Steve Jobs Rede an der Stanford Universität: Video
Vaillant, G. E. (2012). Triumphs of experience: The men of the Harvard Grant Study. Harvard University Press. HTML
Soldz, S., & Vaillant, G. E. (1999). The big Five personality traits and the life course: A 45-year longitudinal study. Journal of Research in Personality, 33, 208-232. PDF