Was der Schreibtisch über Persönlichkeit verrät

"Was der Schreibtisch verrät": Das ist der Titel eines Artikels in der Magazinbeilage der Rheinischen Post vom 18. August 2012, einer großen regionalen Tageszeitung in der Region Düsseldorf. Die Autorin Martina Stöcker berichtet dort über eine weltweite Analyse von Designern zur Frage, wie Führungskräfte und Mitarbeiter ihre Schreibtische im Büro gestalten.

 

Die Schreibtisch-Studie im Buch "My Desk is my Castle"

Gegenstand der Analyse sind 700 Schreibtische, von denen das internationale Team unter Leitung von Uta Brandes und Michael Erlhoff rund 10.000 Fotos gemacht hat. Beide sind Professoren für Design an der Köln International School of Design. Zusammen mit Texten und Skizzen ist ein Teil dieser Fotos in ihrem 2011 herausgegebenen Buch My Desk is my Castle enthalten.

Unter Beteiligung von Kollegen aus neun Universitäten untersuchte das Team um Brandes und Erlhoff, wie Menschen aus zwölf Ländern und fünf Kontinenten ihre Schreibtische in Versicherungen, Banken, Verwaltungen, Call Centern und Designstudios einrichten.

Das Ergebnis: Viele markieren ihren Arbeitsplatz mit persönlichen Gegenständen wie Familienbildern, Kaffeetassen oder einem individuellen Smartphone und schaffen sich so ein heimisches Klima. Der Schreibtisch wird quasi zur Burg, wie der Titel des entstandenen Buches vorschlägt.

Bei den Ergebnissen der Studie zeigen sich Unterschiede zwischen Männern und Frauen, zwischen Kulturen und zwischen Branchen. Beispielsweise sind die Schreibtische vieler Frauen deutlich persönlicher eingerichtet und mit allerlei Dingen ausgestattet, in asiatischen Chefbüros gehören sichtbare Trophäen und Auszeichnungen zum guten Ton und in Verwaltungen gibt es häufiger Pflanzen.

Auch eine Gemeinsamkeit zeigt sich, wie Martina Stöcker in ihrem Artikel schreibt: "Der Schreibtisch ist ein Statussymbol. Kurioserweise wird er immer größer und leerer, je höher man in der Firmenhierarchie kommt." Und wie ein Satz aus der Buchbeschreibung des Birkhäuser Verlags zusammenfasst: "Der Schreibtisch ist ein Ort der Arbeit und Aktion, aber er dient auch als Ausstellungsfläche für persönliche Dinge und Vorlieben."

 

Persönlichkeitsbeschreibung anhand von Objekten

Soweit zu diesem Buch, das mehr als einen Blick wert ist. Dass wir von Gegenständen im Büro oder zu Hause auf das Verhalten und die Persönlichkeit des Besitzers schließen, kennt jeder von uns und wir tun dies mehr oder weniger bewusst. Besonders deutlich wird das natürlich, wenn ein Schreibtisch besonders auffällt, also z.B. sehr aufgeräumt und steril daherkommt oder im Gegenteil in Akten und Blättern versinkt.

Doch ob und wie genau diese Persönlichkeitszuschreibung anhand von Objekten des Eigentümers oder Bewohners möglich ist, wissen nur wenige. In der Psychologie heißt dieser Forschungsansatz "Nicht-reaktive" Messung. Damit ist gemeint, dass Menschen nicht wissen, dass sie beobachtet werden und sie somit keinen Einfluss auf das Ergebnis der Messung haben. Sie reagieren nicht auf die Messung und verhalten sich wie gewohnt. Daher auch "nicht-reaktiv".

Klassische Beispiele hierfür sind die Analyse von Verhaltensspuren, wie die Abnutzung eines Buches in einer Bücherei als Hinweis auf dessen häufige Nutzung oder die Untersuchung des Abfalls eines Wohnhauses, um auf das Recycling-Verhalten der Bewohner zu schließen. Bekannter und durch technische Verfahren einfacher geworden sind die Analyse von Umsatzzahlen oder die Besuchsstatistiken von Webseiten als nicht-reaktive Messmethoden.

Ein interessantes Beispiel hierzu ist auch die Beobachtung eines Kfz-Mechanikers, der auf Grund der unterschiedlichen Abnutzung der Bremsscheiben eines Autos Vermutungen über das Fahrverhalten seines Besitzers aufstellte. Frage: Wer bremst häufiger als andere? Oder besser: Wer muss häufiger bremsen? Und warum? Sicher eine Studie wert.

 

Die Zimmer-Studie zur Persönlichkeit und das Buch von Sam Gosling

In Bezug auf die Persönlichkeit und die Big Five Merkmale von Menschen und ihren Beziehungen zu Gegenständen und räumlichen Objekten haben der Psychologe Sam Gosling von der Universität Texas und seine Mitarbeiter wohl die bekannteste Studie durchgeführt und 2002 unter dem Titel "A room with a cue: Judgments of personality based on offices and bedrooms" veröffentlicht.

Die Ergebnisse dieser Studie sowie eine Reihe von weiteren interessanten Befunde zur Beziehung zwischen Persönlichkeitsmerkmalen einerseits und Darstellungen auf Webseiten und auf Facebook oder den Musik Top-10 einer Person andererseits, fasst Gosling 2008 in seinem lesenswerten Buch "Snoop: What Your Stuff Says About You" zusammen.

Leider ist jedoch das Buch bis heute nicht in deutscher Sprache erschienen, sodass nur der Griff zum Original oder zu einer Übersetzung (z.B. niederländisch, portugiesisch, japanisch) bleibt.

Der Leser erhält dort zudem eine Anleitung, wie er zum "Super Snooper" wird [snoop = englisch: schnüffeln] und welche äußeren Merkmale und Objekte wirklich etwas über die Big Five Persönlichkeitseigenschaften offenbaren; und welche Hinweise uns in die Irre führen, zu falschen Annahmen leiten und welche wir darum besser links liegen lassen sollten.

Weitere praktische Anwendungen der Ergebnisse und Instrumente der Persönlichkeitspsychologie finden sich im letzten Kapitel des Buches. Gosling stellt dort Chris Travis vor, der mit seinem Konzept Truehome Häuser und Wohnungen auf Basis der Persönlichkeitsmerkmale seiner Klienten entwirft und baut und ihnen hierzu einen speziellen Workshop anbietet. Sein Leitsatz: »"Home" is an emotional experience, not a buliding. It´s a unique psychological fingerprint in your brain.«

In einem meiner nächsten Blogbeiträge werde ich ausführlicher über die Ergebnisse von Sam Gosling zur Persönlichkeit und ihre Anwendung in der Praxis schreiben.

 

Persönliche Gestaltung von Räumen in Organisationen

Ein Zwischenfazit: Die Unterschiede in der Gestaltung von Räumen und Gegenständen spiegeln Teile der Persönlichkeit ihrer Besitzer wieder – sofern diese Räume und Gegenstände individuell gestaltbar sind und auch von ihren Besitzer persönlich, in ihrem Auftrag und / oder auf Basis einer Mitarbeiterbefragung eingerichtet wurden.

Und diese Möglichkeit einen eigenen Platz individuell zu gestalten (arbeitspsychologisch: ein großer Handlungsspielraum) oder wenigstens die Gestaltung mitzubestimmen, fördert das Wohlbefinden und damit die Leistung der Beschäftigten eines Unternehmens, worauf Erfahrungen und Studien hindeuten.

Damit gewinnt auch die persönlichkeitsorientierte Gestaltung von Arbeits- und Organisationsmerkmalen an Bedeutung, wie sie z.B. in den Ansätzen und Projekten von Eberhard Ulich und Winfried Hacker, zwei renommierten Arbeitspsychologen, zu finden sind. Ulich, gebürtiger Deutscher, ist Gründer und Senior Partner des privaten Schweizer Instituts für Arbeitsforschung und Organisationsberatung, und er war 25 Jahre Professor an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich.

Kritik an einer zu flexiblen Arbeitsgestaltung ohne eigene Räume und Schreibtische meldet der Arbeitsmediziner und Psychologe Prof. Michael Kastner von der Universität Dortmund in einem Interview in der Magazinbeilage der Rheinischen Post vom 18. August 2012 an (siehe Anfang). Er sagt:  "Der Raum muss eine Art Heimat sein, die jeder mit Fotos und Dingen, die ihm wichtig sind, selbst gestalten kann." Daher ist Kastner auch skeptisch, ob neue Konzepte wie flexiblere Büros, "Mobile Working" oder "Desk Sharing" gut gehen werden.

Weitere Informationen zur Schreibtisch-Studie und zur modernen Arbeits- und Bürowelt finden Sie in diesem Artikel von Manfred Engeser in der Wirtschaftswoche. Er führte auch ein Interview mit den beiden Designexperten Brandes und Erlhoff. Auch dieser Artikel von Tatjana Kimmel-Fichtner in der Zeit Online informiert über das Büro der Zukunft, oder besser: Für viele bereits das Büro der Gegenwart.

Ob somit die modernen Bürokonzepte, wie die Zentrale des Unilever Konzerns in Hamburg, der Vodafone-Campus in Düsseldorf oder die Ansätze von Accenture (vgl. den Dokumentarfilm Work Hard Play Hard), den erhofften Erfolg auf die Leistung und die Gesundheit von Führungskräften und Mitarbeiten haben, wird die Zukunft (und vielleicht Evaluationsstudien) zeigen.

Spannend werden auf jeden Fall die neuen Büro- und Raumentwürfe der Aussteller dieses Jahr auf der Orgatec im Oktober 2012 sein, der alle zwei Jahre stattfindenden Fachmesse für "Modern Office & Object" in Köln.

 

Erkenntnisse und Instrumente der Psychologie zur Arbeits- und Organisationsgestaltung

An dieser Stelle ist es  für mich als Psychologen ein Anliegen, deutlich zu machen, dass nicht nur die Persönlichkeitspsychologie und die Arbeits- und Organisationspsychologie sich diesen und ähnlichen Themen stellt, hierzu wichtige Erkenntnisse sammelt und nützliche Instrumente bereitstellt. Auch andere Teildisziplinen wie die Umweltpsychologie, die Architekturpsychologie und grundlegender die Psychologie der Wahrnehmung bieten Praktikern viel, wie uns die Werke von Antje Flade oder Susan M. Weinschenk zeigen.

Bemerkenswert fand ich hier z.B. den Bericht über eine kürzlich erschienene Studie aus Schottland, die das Stresserleben von Bewohnern einer Siedlung mittels des Stresshormons Cortisol untersuchte und heraus fand, dass sich die Stresswirkung mit dem Vorhandensein und der Größe von Grünflächen verringert.

Und wie wichtig die Privatheitsbedürfnisse von Personen im Büro sind, und wie Unternehmen diese messen können, dass hat beispielsweise das Team um Antal Haans von der Eindhoven University of Technology in einer Studie ermittelt und die Ergebnisse 2007 veröffentlicht.

 

Wie wollen Sie arbeiten und leben?

Doch zurück zu unseren Büros. Fragen Sie sich doch einfach mal selbst: Würden Sie gerne und freiwillig auf Ihren Schreibtisch verzichten? Arbeiten Sie gerne in einer fremden Umgebung mit ständig wechselnden Büronachbarn? Haben Sie kein Lieblingsrestaurant und keinen Stammplatz in der Bar um die Ecke? Reicht Ihnen wirklich nur Ihr Notebook, Ihr iPad und Ihr Smartphone? Und freuen Sie sich nicht morgens auf Ihr vertrautes Büro, Ihren eigenen Arbeitsplatz und Ihre langjährigen Kollegen (meistens jedenfalls)? Haben Sie Lust sich jeden Morgen einen freien Schreibtisch zu suchen?

Wenn Sie diese Fragen alle mit "Ja" beantworten, dann sind Sie für eine mögliche Zukunft gerüstet. Sie brauchen keinen eigenen Schreibtisch, keine bekannten Personen und keine vertrauten Gegenstände in Ihrer Nähe; und wahrscheinlich fühlen Sie sich auch nicht an Ihren Arbeitgeber gebunden. Warum auch? Es ist ja keine persönliche Beziehung. Und so können Sie beim nächsten Headhunter-Anruf und interessanten Stellenangebot auch ohne Bedenken und Bauchschmerzen den Arbeitgeber wechseln.

Damit ich richtig verstanden werde: Für einige Menschen mit bestimmten Ausprägungen von Persönlichkeitseigenschaften mag dies der richtige Weg sein, doch für die meisten anderen ist die gewohnte Umgebung mit vertrauten Menschen der Schlüssel für Spitzenleistung und Voraussetzung für Arbeitsfreude und Wohlbefinden. Auch Uta Brandes, die Mitherausgeberin des zu Beginn dargestellten Buches "My Desk is my Castle" ist in dem anfangs zitierten Artikel überzeugt: "Der Schreibtisch wird bleiben."

 

Emotionale Bindung, Sicherheit und Gesundheit durch persönliche Gestaltung

Aus Erfahrungen und Studien wissen wir, dass die persönliche Gestaltbarkeit des Arbeitsplatzes die emotionale Bindung, das Commitment, an das Unternehmen vergrößert: Ein kostbares Gut in Zeiten des Fachkräftemangels und dem Versuch, durch "Employer Branding" die Attraktivität als Arbeitgeber zu erhöhen.

Zudem erfüllt ein eigener und persönlicher Bereich das Sicherheitsbedürfnis der meisten Menschen. Und auch bei der Diskussion um die Gesundheit am Arbeitsplatz ist die Möglichkeit des individuellen Handlungsspielraums ein entscheidender Schutzfaktor gegen psychische Erkrankungen wie Depression und Burnout.

Wer also leistungsfähige Führungskräfte und Mitarbeiter finden und halten möchte, der sollte gut überlegen und am besten überprüfen, was er wie tut und sich fragen, ob er nur Trends folgt oder bewusst andere Wege geht.

Denn klar ist: Wenn die Mehrheit der sinkenden Zahl von Leistungsträgern sich in den neuen Bürokonzepten und Raumstrukturen schlecht fühlt und diese schließlich durch Abwanderung oder Abwesenheit ablehnt, dann wird es teuer. Davon zeugen einige hoch gejubelte Projekte der Vergangenheit, die später als Gebäude- und Büroruinen endeten.

 

Zum Schluss

Und was hat dies alles mit uns zu tun? Nun für mich gilt: My desk is my castle; zumindest für eine bestimmte und abgegrenzte Zeit. Und für Sie? Was bedeutet der Schreibtisch für Sie und Ihre Mitarbeiter? Was sagt Ihr Schreibtisch über Ihre Persönlichkeit und die Ihrer Mitarbeiter aus?

Schreiben Sie mir Ihre Meinung oder senden Sie mir doch einfach ein Foto von Ihrem Schreibtisch mit einem Kommentar: Kontakt

Mit besten Grüßen, Stefan Klemens