Wie stark prägte die Ex-DDR die Persönlichkeit ihrer Einwohner? Und was lernen wir daraus?

Lieber Gast,

unsere genetische Ausstattung im Wechselspiel mit unseren Umwelterfahrungen führen zu unterschiedlichen Persönlichkeitsausprägungen, kulturellen Werten und Lebensgeschichten.

Das Magazin "Der Spiegel" berichtete Anfang Juni 2016 von einer Studie, die zeigt, wie stark ein repressiver Staat wie die ehemalige DDR seine Einwohner formt. Unterschiede zu Westdeutschen, die bis heute bestehen, so ein Ergebnis der Arbeit.

Die Forscher der Universitäten Marburg und Bielefeld verglichen in ihrer Studie 15.000 Menschen aus Ost- und Westdeutschland in Bezug auf ihre Persönlichkeitsausprägungen (Big Five, Kontrollüberzeugung) und kommen zu folgenden Resultaten:

Menschen, die unter der kommunistischen Herrschaft aufwuchsen und lebten, sind heute im Durchschnitt signifikant neurotischer, weniger offen für Erfahrungen, aber auch gewissenhafter als ihre westdeutschen Landsleute. Zudem ist ihre Kontrollüberzeugung ("locus of control") signifikant geringer, was heißt, dass sie weniger glauben, ihr Schicksal selbst in der Hand zu haben und eher meinen, dass ihr Leben von äußeren Kräften bestimmt wird ("externe Kontrollüberzeugung").

Die Autoren führen diese Persönlichkeitsunterschiede auf die sehr unterschiedlichen Lebensbedingungen zwischen den ehemaligen beiden deutschen Staaten zurück. Einige Kritikpunkte finden sich in dem Spiegel-Artikel von Jule Specht, einer Wissenschaftlerin der Freien Universität Berlin: Sie sieht nicht nur die ehemaligen DDR-Verhältnisse als alleinige Einflussfaktoren für die Unterschiede, sondern auch die Zeit der tiefschneidenden Veränderungen nach dem Fall der Mauer 1989 für die ostdeutschen Bürger.

Ein weiterer Grund für die Unterschiede, der meiner Meinung nach noch hinzukommt, liegt dagegen sehr viel früher: In der Selbstselektion der DDR-Bürger in den 50er und 60er Jahren. Besonders die mutigen, offenen und flexiblen Menschen mit einer hohen internen Kontrollüberzeugung verließen sehr wahrscheinlich ihren "Bauern- und Arbeiterstaat" – Damals noch unter Zwang oder mit Billigung des SED-Regimes, die die "bürgerliche Intelligenz" loswerden wollte. Und dies waren bis zum Bau der Berliner Mauer 1961 nicht wenige, sondern rund drei Millionen Menschen, wie wir in diesem FAZ-Artikel von Jochen Staadt zum Buch "Republikflucht" lesen.

Diese Selbstselektion bzw. Abwanderung von Menschen mit bzw. aus bestimmten Persönlichkeitsausprägungen lässt sich auch anderswo beobachten: So liegt wohl ein Grund dafür, dass die US-Amerikaner im Schnitt mutiger, extravertierter und offener für Erfahrungen sind darin, dass besonders solche Menschen aus den europäischen Ländern auswanderten. Und diese Persönlichkeitsausprägungen wurden in der neuen Welt mit ihren großen Chancen und Gefahren wiederum gestärkt.

Fazit

Wer mit einer bestimmten Neigung zu einer Persönlichkeitsausprägung geboren wird und diese durch Umwelterfahrungen gestärkt wird, der wird sich nur sehr schwer später ändern können. Und dies trifft auch auf ganze Bevölkerungsgruppen zu, wie die genannte Persönlichkeitsstudie nahelegt.

Doch so fest verankert waren diese Persönlichkeitsausprägungen dann doch nicht bei allen: Eine kleine, doch energische Minderheit ertrug ihr Schicksal in der zerfallenden DDR nicht mehr länger. Ein Teil floh im Sommer 1989 über Ungarn und die Tschechoslowakei in den Westen, ein anderer und größerer Teil protestierte bei den Demonstrationen in verschiedenen Städten der DDR gegen die Verhältnisse. Diese Wende und friedliche Revolution führte schließlich zum Fall der Mauer am 09. November 1989, zum Untergang der DDR und zur Wiedervereinigung Deutschlands 1990.

Somit sind auch Persönlichkeitsausprägungen nicht in Stein gemeißelt, sondern jeder kann anders handeln, womit sich in der Folge auch die Verhältnisse bzw. das Verhalten anderer Menschen ändern kann. Dies ist natürlich nicht einfach, erfordert Mut, Arbeit, Beharrlichkeit, das Erkennen von Chancen, häufig einen langen Atem und Unterstützung von anderen.

Doch nur so ist Lernen möglich, wie jedes Kind weiß. Und die Belohnung dafür kann sehr groß sein: Man erkennt, psychologisch gesprochen, die eigene Selbstwirksamkeit, die Macht, Dinge zu gestalten und die Freiheit, zu tun was und zu reisen, wohin man möchte. Und eher das zu bekommen, wonach man strebt.

So funktioniert die Motivation zur Veränderung: Setzen Sie sich also Ziele, die Sie erreichen möchten und stelle Sie diese sich bildlich vor (Stichwort: Visualisierung). Machen Sie einen Plan, ein Drehbuch, wie Sie dorthin kommen und was Sie dafür brauchen. Und kontrollieren Sie und belohnen Sie sich für Ihre Fortschritte.

Schauen Sie, wie es andere machen, die das erreicht haben, was Sie möchten. Suchen Sie Menschen, die ähnliche Ziele verfolgen, und nehmen Sie Abstand von denen, die Sie auf Ihrem Weg behindern. Und lassen Sie sich von Rückschlägen oder Fehlern nicht entmutigen! Die gehören dazu, die kommen sicher, doch diese zeigen Ihnen auch: So geht es nicht! Doch vielleicht anders?

Mit besten Grüßen, Stefan Klemens